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Wenn es ohne dich nicht mehr geht – komplizierte Trauer bei (pflegenden) Angehörigen

Der Tod eines nahestehenden Menschen ist ein tiefgreifender Einschnitt im Leben von (pflegenden) Angehörigen. Die Betroffenen erleben eine Vielzahl von Gefühlen (Ärger, Leere, Schuld, Scham, Erleichterung etc.). Daneben lassen sich häufig körperliche Reaktionen wie Zittern, Schütteln, Herzklopfen, ein Gefühl der Hitze oder des Frierens, Schlaf- und Konzentrationsstörungen oder Veränderungen des Appetits beobachten. Eines ist sicher: Trauer braucht Zeit, doch in der Regel schaffen es die meisten Hinterbliebenen, in ihrem Leben wieder Fuss und Tritt zu fassen. Doch nicht allen gelingt dieser Schritt. Einige bleiben in ihrer Trauer „stecken“ und kommen nicht über den erlittenen Verlust hinweg. Man spricht in diesem Fall auch von der „komplizierten Trauer“.

Merkmale von Trauernden, die über die Trauer nicht hinweg kommen

Eine Forschergruppe um Emma Bruns in Australien befragte über 900 Hinterbliebene 13 bis 60 Monate nach dem Todesfall, ob es ihnen gelungen sein, den Verlust in ihr Leben zu integrieren (die Autoren sprechen von „moving on“, p. 1). 80% der Befragten gaben an, dass das ihnen gelungen sei, während 20% dies verneinten. Männer, Menschen mit einer engen Beziehung zum Verstorbenen sowie sozioökonomisch schlechter gestellte Menschen hatten mehr Mühe, mit dem Verlust klar zu kommen.

Am stärksten belastet sind die Angehörigen ca. einen Monat nach dem Todesfal, so eine taiwanesische Studie (Su-Ching Kuo et al., 2016). Über 73% der Betroffenen leideten zu diesem Zeitpunkt unter schweren depressiven Symptomen. Danach sinken die Werte. Nach zwei Jahren geben noch etwas über 15% der Befragten an, unter schweren depressiven Symptomen zu leiden. Die Stärke der Belastung hängt jedoch nicht nur von der Länge der Trauerzeit ab, so die Studienautoren. Auch anderer Faktoren, wie die Intensitiät der Pflege oder depressive Verstimmungen bereits vor dem Todeseintritt spielen eine Rolle. Auf der anderen Seite kann z.B. ein gutes soziales Unterstützungsnetz mithelfen, das Auftreten schwerer depressiver Symptome abzufedern.

Der Ort des Sterbens hat einen geringen Einfluss auf das Trauererleben

Einen Einfluss auf das Trauererleben hat auch der Ort, an welchem der schwer Kranke verstorben ist. Stirbt der Patient / die Patientin zu hause, geht es den Angehörigen etwas besser als wenn er im Akutspital verstarb, so eine japanische Studie aus diesem Jahr. Wobei die Effekte nicht allzu gross ausfallen (Hatano et al., 2017).

 

Verwendete Literatur:

Burns, E, Prigerson, HG, Quinn, SJ, Abernethy, AP, & Currow, DC (2017). Moving on: Factors associated with caregivers’ bereavement adjustment using a random population-based face-to-face survey, Palliat Med (Epub ahead of print).

Hatano, Y., Aoyama, M., Morita, T., Yamaguchi, T., Maeda, I., Kizawa, Y., … & Miyashita, M. (2017). The relationship between cancer patients’ place of death and bereaved caregivers’ mental health status. Psycho‐Oncology [pre-publishes online, 27 March 2017].

Kuo, Su-Ching, et al. (2017). Longitudinal Changes in and Modifiable Predictors of the Prevalence of Severe Depressive Symptoms for Family Caregivers of Terminally Ill Cancer Patients over the First Two Years of Bereavement.” Journal of palliative medicine, 20 (1), 15-22.

Winter-Pfändler, U. (2017, 2. und 3. Auflage). Nahe sein bis zuletzt. Ein Ratgeber für (pflegende) Angehörige und Freunde. St. Gallen: Edition SPI. ISBN:  978-3-906018-13-3.