Warum ist es so schwierig, darüber zu sprechen? Ärzte und ihr Umgang mit religiös-spirituellen Fragen

Sep 30, 2016 | Palliative Care

bill-sg-barriersImmer wieder plädiert man am Lebensende für einen ganzheitlichen Zugang zum kranken Menschen und betont, dass auch religiös-spirituelle Fragen ihren Platz haben sollen. Zudem wünschen sich viele Schwerkranke, mit dem Arzt ihres Vertrauens auch über religiös-spirituelle Anliegen und Fragen zu sprechen. Doch Ärzte tuen sich oft schwer damit, religiös-spirituelle Fragen und Überzeugungen im Rahmen ihrer Arbeit zu thematisieren. Welche Hindernisse und Barrieren Ärzte zu überwinden haben, wurde auch in verschiedenen Studien untersucht.

Fehlendes Know-How und Mangel an Zeit
Tatsache ist: Je vertrauter Ärzte mit religiös-spirituellen Fragen sind und je kompetenter sie sich im Umgang damit fühlen, desto eher sprechen sie das Thema Glauben in der Begeitung von Patienten auch an. Gerade in einer säkularen Gesellschaft, in welcher sich das Religiöse immer mehr ins Private zurückzieht, benötigen Ärzte adäquate Weiterbildungen und Hilfestellungen im Umgang mit religiös-spirituellen  Fragen.
Eine weitere Hürde, mit welcher Ärzte zu kämpfen, ist die fehlende Zeit; Zeit, welche oft nicht zur Verfügung steht.

Schlechte Erfahrungen der Patienten mit dem Thema Religion
Einige befragte Ärzte stellen fest, dass Patienten schlechte Erfahrungen mit der Kirche, der religiösen Erziehung etc. machten und sprechen das Thema zum Schutz ihres Gegenübers nicht an.

Auch wenn das Thema Religiosität (häufig verknüpft mit einer religiösen Institution oder Organisation) mit schlechten Erfahrungen verknüpft ist, stellen sich Betroffenen Fragen nach Sinn einer Erkrankung, sie ringen mit Schuldfragen oder sie suchen nach religiös-spirituellem Trost.

Angst vor Rollenkonflikten
Religiöse Ärzte sind sich bewusst, dass ihre persönliche Spiritualität die Sichtweise auf ihre medizinische Tätigkeit beeinflusst. Gleichzeitig haben sie das Gefühl, dass ihnen ihr Glaube hilft, mit den Themen Sterben und Tod besser umzugehen. Zugleich fürchten sie sich jedoch auch vor einem existentiellen Dilemma zwischen professioneller Arztrolle und ihrem Gewissen. Z.B. wenn sie mit religiös-spirituellen Überzeugungen seitens Patienten konfrontiert werden, von welchen sie überzeugt sind, dass diese dem Patienten nicht gut tuen oder sogar für diesen schädlich sind. Sollen diese Überzeugungen angesprochen werden oder soll man in der “neutralen” Rolle bleiben? Ab welchem Zeitpunkt beginnt der Arzt zu missionieren? Daher vermeiden Ärzte mitunter, das Thema anzusprechen.

Kulturelle und institutionelle Gründe
Einige Ärzte fühlen sich missbilligt durch ihre Kollegen, wenn sie über ihre eigenen religiös-spirituellen Überzeugungen mit Patienten sprechen.

Hinter solchen Statements können sich auch grundsätzliche kulturelle oder institutionelle Barrieren verstecken. Denn für Ärzte ist es einfacher, religiös-spirituelle Themen in einer Institution mit einem religiösen Hintergrund (z.B. getragen durch eine Ordensgemeinschaft) anzusprechen. Gerade in diesen Häusern arbeiten auch häufig Krankenhausseelsorgende und diese „normalisieren“ das Thema Religion und Spiritualität, was sich auf die gesamte Betriebskultur niederschlägt. Im Weiteren steht die Ausbildung zum Arzt bzw. zur Ärztin in der Tradition von Descartes, d.h. der klaren Trennung von Körper und Geist, wobei sich die Medizin vorwiegend um den Körper kümmert. Man fühlt sich entsprechend kompetent, wenn es um somatische Fragen handelt, stösst jedoch bei psychischen oder geistigen Fragen an seine Grenzen.

Verwendete Literatur
Best, M., et al. (2013). Spiritual support of cancer patients and the role of the doctor. Supportive Care in Cancer, 22 (5), 1333–1339.
Best, M., Butow, P., & Olver, I. (2016). Why do We Find It so Hard to Diskuss Spirituality? A Qualitative Exploration of Attitudinal Barriers. Journal of Clinical Medicine, 5, 77.
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