Tod und Sterben in der Schweiz – zentrale Ergebnisse des nationalen Forschungsprogramms NFP 67

Wie geht Sterben im Gefängnis? Oder welche Besonderheiten gilt es zu berücksichtigen, wenn Menschen mit einer intellektuellen Behinderung sterben? Solchen und vielen weiteren Fragen zum Thema Sterben und Tod in der Schweiz ging das Nationale Forschungsprogramm NFP67 während fünf Jahren nach. Nun sind die Daten analysiert und die Berichte der 33 Einzelprojekte geschrieben. Im November 2017 wurde daher eine Zusammenfassung der wichtigsten Erkenntnisse präsentiert:

 

Förderung von Palliative Care

Palliative Care, das Versorgungskonzept, welches sich Menschen am Lebensende und unheilbar kranken Menschen und ihren Angehörigen annimmt und ein «würdiges Sterben» ermöglichen möchte, konnte zwar in den letzten Jahren in der Schweiz vermehrt Fuss fassen. Medizin, Pflege, Sozialarbeit, Seelsorge etc. versuchen dabei in interdisziplinären Zusammenarbeit, die Lebensqualität von schwer kranken Menschen zu fördern/erhalten. Nicht immer klappt es jedoch reibungslos zwischen den verschiedenen Akteuren und den beteiligten Institutionen. So gibt es bei der Koordination und Zusammenarbeit Verbesserungsbedarf, so die Ergebnisse.

 

Der Hausarzt als Dreh- und Angelpunkt

Zumeist koordiniert der Hausarzt / die Hausärztin die verschiedenen Akteure am Lebensenden. Dabei fühlen sich die Hausärzte kompetent bei medizinischen und pflegerischen Fragen, bei religiös-spirituellen, ethischen oder juristischen Fragen (z.B. Fragen der Sterbehilfe) kommen sie jedoch an ihre Grenzen und sind unsicher.

 

Sterbe- und Suizidhilfe

Fragen um selbstbestimmtes Sterben wurden in den vergangenen Jahren intensiv diskutiert. Die Daten zeigen, dass die Suizidhilfe den vergangenen Jahren zugenommen hat. Es sind mehrheitlich Frauen im höheren Alter und aus städtischen Gebieten, welche am Lebensende Suizid begehen.

 

Sterbeort

Dreiviertel aller Schweizer und Schweizerinnen möchten am liebsten zuhause sterben. Leider sieht die Realität anders aus. An erster Stelle wird im Heim und an zweiter im Spital gestorben. Die Wissenschaftler fanden heraus, dass in der Deutschschweiz mehr Menschen zuhause sterben als in der Romandie und dem Tessin. Weitere Faktoren, welche das Sterben zuhause fördern sind der Besitz von Eigenheim, eine höhere Ausbildung, eigene Kinder oder das Geschlecht. So sterben Männer häufiger zuhause als Frauen.

Dieses letzte Ergebnis dürfte damit zu tun haben, dass in der Regel Männer durchschnittlich etwas älter sind als ihre Partnerinnen und das Durchschnittsalter bei den Männern tiefer liegt als bei den Frauen. Zudem ist Care-Arbeit, d.h. die Pflege und Betreuung von nahestehenden Menschen immer noch vorwiegend Frauenarbeit. Die Folge: Frauen pflegen vielfach ihre Männer bis zu deren Tod. Wenn jedoch die Frauen dann selbst schwer erkranken und die Kinder sie nicht unterstützen können, müssen sie an ihrem Lebensende oft ins Heim oder ins Spital.

Ein auffälliges Ergebnis ist: Jeder sechste Patient / jede sechste Patientin stirbt in einem Heim oder Spital während einer «kontinuierlichen tiefen Sedierung» (S. 8). Dieser Umstand führt zu rechtlichen und ethischen Fragen, welche weiter geklärt werden sollten.

 

Kosten

Sterben im Spital ist am teuersten, besonders bei Patienten mit einer Krebserkrankung (wahrscheinlich bedingt durch die teuren Medikamente). Doch die Ergebnisse zeigen auch: Die Schweizer Bevölkerung ist erfreulicherweise solidarisch mit Menschen am Lebensende. Sie finden, «dass die Gesundheitsversorgung eines Patienten am Lebensende für den Erhalt eines zusätzlichen Lebensjahres bei bester Gesundheit 200’000 Franken kosten dürfe» (S. 15). Bei schwer kranken Kindern und Jugendlichen ist die finanzielle Solidarität noch grösser.

 

Existentielle sowie religiös-spirituelle Fragen am Lebensende

Neben medizinischen und pflegerischen Fragen stellen sich für Patienten und Angehörige am Lebensende auch existentielle und religiös-spirituelle Fragen. Gerade in Pflegeheimen ist der Wunsch, möglichst bald zu sterben, verbreitet. Evtl. fühlen sich die Betrofenen nur noch als Last für andere oder sehen den Lebenssinn nicht mehr. Bei solchen Fragen nach Lebenssinn und dem Wozu kann Seelsorge – wenn sie vom Gegenüber akzeptiert ist, genügend Zeit hat und als kompetent wahrgenommen wird – eine wichtige begleitende Stütze sein.

 

Synthesebericht

Schweizer Nationalfond (2017). Synthesebericht NFP 67 Lebensende. Bern.