Spitalseelsorgende im Spannungsfeld unterschiedlichster Erwartungen und Ansprüche

Zwischen Patienten und Angehörigen, zwischen Seelsorgegeheimnis und Teamplay und zwischen dem Wünschenswerten und dem Tatsächlichen: Spitalseelsorgende stehen tagtäglich im Spannungsfeld unterschiedlicher Ansprüche und Erwartungen. Kirstin Lindholm befragte jüngst in den USA 45 Spitalseelsorgende aus Hospizen über die Herausforderungen in ihrem Berufsalltag. Ihre Ergebnisse gaben Anregungen zu den folgenden Gedanken.

 

Zwischen vertrauensvollen Beziehungen und begrenzten Möglichkeiten

Seelsorgende sind in ihrem Beruf gefordert, sich innerhalb einer kurzen Zeit einen verlässlichen und vertrauensvollen Zugang zu ihrem Gegenüber aufzubauen. Die Aufenthaltszeiten von Patienten und Patientinnen sind kurz, die Betroffenen haben nur begrenzte Ressourcen und Kräfte oder das Leben geht dem Ende entgegen. Dies gelingt oft und kranke Menschen und ihre Angehörigen vertrauen Seelsorgenden viel schnell Persönliches an oder sprechen über Dinge, über welche sie bisweilen mit niemandem oder ganz wenigen Menschen gesprochen haben. Das tut gut und führt mitunter dazu, dass Patienten sich wünschen, diesen Kontakt auch nach dem stationären Aufenthalt fortzusetzen, wenn sie beispielsweise wieder zu Hause sind. Oder Angehörige hoffen, dass der Seelsorgende die Abdankung durchführt und sie durch die Trauer begleitet, nachdem der Patient/ die Patientin verstorben ist. Nicht immer wird es möglich sein, diesen Wünschen zu entsprechen, denn die zeitlichen Kapazitäten sind begrenzt: Wie viel Zeit kann ein Spitalseelsorger, eine Spitalseelsorgerin einem Patienten oder dessen Angehörigen schenken, ohne dass andere Patienten und deren Bedürfnisse zu «kurz» kommen? Zudem: Wo liegen die Grenzen seiner Zuständigkeit und wo beginnt etwa die Verantwortung der Ortsseelsorge? Gerade für Menschen, welche nur ein sehr loser Kontakt zur Ortspfarrei verbindet, braucht es viel Fingerspitzengefühl, damit sich die Betroffenen nicht vor den Kopf gestossen fühlen, wenn der Spitalseelsorger auf seine Kompetenzen und zeitlichen Möglichkeiten verweist.

 

Zwischen der eigenen Agenda und der Agenda des Patienten oder Familienangehörigen

Seelsorgende verfolgen in ihrer Arbeit anspruchsvolle und hohe Ziele: sie wünschen, dass ihr Gegenüber im Gespräch Trost und Erleichterung erfährt, dass er/sie sich sicherer im Spital fühlt, mit sich und Gott in Kontakt kommen kann. Wo Unordnung und Chaos herrscht, möchten sie mithelfen, Gedanken und Gefühle zu ordnen, Hoffnungslosigkeit auszuhalten. Doch was, wenn Patienten und Angehörige andere oder sich widersprechende Ziele verfolgen? Wenn beispielsweise Angehörige untereinander verfeindet sind, Neid und Missgunst vorherrschen und versucht wird, den Seelsorgenden auf «ihre» Seite zu ziehen. Oder wenn Angehörige blindlings in Überforderungssituationen rennen, ohne Wille und Kraft, sich selbst Sorge zu tragen. Schliesslich, wenn Seelsorgende mit Schimpf und Schande empfangen werden, sie für alle Missetaten der Kirche und Religion verantwortlich gemacht und «zum Teufel» gejagt werden. Wie viel Hartnäckigkeit und Standhaftigkeit seitens des Seelsorgers ist notwendig, um drohendes Unheil abzuwenden? Wann gilt es, die Meinung und das Verhalten des Gegenübers zu akzeptieren, ohne sich darin wieder zu finden, und wann ist es notwendig «Widerspruch» einzulegen?

 

 Zwischen Seelsorgegeheimnis und Teamplay

Gerade im Betreuungskonzept Palliative Care ist Seelsorge eine feste Grösse im Reigen der verschiedenen Disziplinen. Medizin, Pflege, Psychologie, Seelsorge, Sozialarbeit etc. versuchen gemeinsam, den Patienten / die Patientin und seine Angehörigen «ganzheitlich» wahrzunehmen, mit dem Ziel, die Lebensqualität der Betroffenen so gut es geht aufrechtzuerhalten oder gar zu fördern.
Eine solche Zusammenarbeit kann nur funktionieren, wenn sich alle Beteiligten auf gemeinsame Spielregeln des «Miteinanders» einigen, sich regelmässig austauschen und ihren Standpunkt einbringen. Schliesslich gilt es, die gemeinsam getroffenen Entscheidungen und Massnahmen in der Patientenakte zu dokumentieren.
Wenn Seelsorgende als gleichwertige Teamplayer wahr- und ernstgenommen werden möchten, müssen sie sich ebenfalls an diesem Austausch beteiligen und ihre Sichtweise und ihre Wahrnehmung einbringen. Auf der anderen Seite vertrauen Patientinnen und Patienten den Seelsorgenden mitunter Geschichten, Hintergründe und Erfahrungen an, welche sie nicht in ihrer Krankenakte wiederfinden möchten. Wie viel Offenheit und Transparenz verträgt sich mit dem Seelsorgegeheimnis, das vielen Seelsorgenden am Herzen liegt? Und kann Seelsorge für sich mit Hinweis auf dieses Seelsorgegeheimnis eine Sonderrolle beanspruchen? Isolde Karle (2018) macht beispielsweise auf die Möglichkeit aufmerksam, dass der Spitalseelsorgende dokumentiert, «dass ein Gespräch stattgefunden hat und ob es eine Fortsetzung finden soll oder nicht» (S. 65).

 

Die beschriebenen Spannungen lassen sich oft nicht einfach und vollständig auflösen. Wichtig ist, dass sich die Seelsorgenden klar sind über ihre Rollen, Zuständigkeiten, Grenzen und Möglichkeiten. Eine offene und transparente Kommunikation mit allen Beteiligten dürfte mithelfen, Konflikte vorzubeugen und Spannungen abzubauen.

 

Verwendete Literatur

 

Bild: dima_goroziya on Pixabay.com