+41 (0)71 222 13 57 info@bill-sg.ch

Spirituelle Anamnese – ein Unding?

Sep 16, 2015 | Neues aus der Forschung, Spiritual Care

SpiritualAssessment1. Religiös-spirituelles Assessment, ein Unding?

Kommen jetzt Seelsorgende oder Gesundheitsfachleute auch noch mit standardisierten Befragungsinstrumenten zur religiös-spirituellen Anamnese? Werden Patientinnen und Patienten beim Spitaleintritt in Zukunft systematisch nach ihren religiös-spirituellen Bedürfnissen befragt? Und untergräbt dieses “Abfragen” nicht die Individualität des Einzelnen? Dieselben Fragen stellen sich auch Andreas und Birgit Heller in ihrem Buch zu Spiritualität und Spiritual Care: „An dieser Stelle entstehen viele Fragen: Kann ein Anamnesegespräch tatsächlich der Ort spiritueller Selbstmitteilung sein? Lassen sich spirituelle Einstellungen abfragen wie Diätbesonderheiten? Wie kann das, was Menschen als Grundlage ihrer Existenz erfahren, statistisch erfasst, zahlenmässig operationalisiert und gemessen werden?“ (Heller, A. & B. 2014, 37).

Neben diesen berechtigten Anfragen, können m.E. die in den letzten Jahren entwickelten Instrumente Hilfen zur Erkundung der religiös-spirituellen Landschaft eines Gegenübers darstellen. Nicht vordringlich als Planungsinstrument für “religiös-spirituelle Interventionen”, sondern als Wegweiser und Türöffner für Gespräche über religiös-spirituelle Themen.

Gerade Menschen, welche mit dem Thema Religion-Spiritualität eher Mühe oder sich mit religiös-spirituellen Fragen in ihrem bisherigen Leben nur sehr marginal auseinandergesetzt haben, können die folgenden Fragekataloge Hilfen sein. Selbstverständlich diktieren nicht die Fragen das Gespräch, sondern im Zentrum der religiös-spirituellen Begleitung steht die vertrauensvolle Beziehung. Nur wenn diese vorliegt, wird ein Patient sich dem Gegenüber öffnen und erzählen, was ihm Sinn, Kraft und Halt gibt, oder wie er bzw. sie es mit der Religion hat. Gleichzeitig versteht sich von selbst, dass die Begleitperson achtsam und sorgfältig mit den persönlichen und intimen Einblicken in das Innere des Patienten umzugehen hat. Bewertungen, missionarische Überzeugungsversuche etc. sind unangebracht.

2. Beispiel 1: SPIR

Dank der Initiative von Prof. Eckhard Frick und seinen Kollegen (Frick et al. 2006) wurde das von der US-Amerikanerin Dr. Christina Puchalski entwickelte Instrument FICA (z.B. Puchalski, 2014) im deutschsprachigen Raum in den vergangenen Jahren bekannt. Der Interviewleitfaden thematisiert die grundsätzliche Rolle der Religiosität-Spiritualität im Leben des Befragten (S-Spiritualität). Zum Zweiten fragt es nach dem Stellenwert, welche der persönliche Glaube, die persönliche Spiritualität im eigenen Leben spielt (P-Platz). Ein dritter Teil geht der Frage nach, ob das Gegenüber Teil einer religiös-spirituellen Gemeinschaft ist (I-Integration). Am Schluss wird nach der Rolle des Interviewers (z.B. Pflegefachperson, Arzt, Seelsorgeperson) gefragt, d.h. wie soll der Interviewer mit den religiös-spirituellen Bedürfnissen des Patienten oder der Angehörigen umgehen.

Hier: Link zum Instrument SPIR mit weiteren exemplarischen Fragen

3. Beispiel 2: HOPE

Ähnlich wie SPIR „funktioniert“ das Instrument „HOPE“. Im Folgenden stelle ich das Instrument inklusive Beispielfragen vor (Übersetzung bzw. Adaptation durch Urs Winter-Pfändler):

H-Hope | Hoffnung
„Beginnen lässt sich das Interview mit der Frage: ‚Wir haben jetzt über dbetenie Unterstützung durch Ihr soziales Umfeld gesprochen. Mich interessiert ebenso, was Ihnen in Ihrem Inneren Stärke und Kraft gibt. Woraus schöpfen sie Hoffnung, Kraft, Trost und inneren Frieden? Was stützt sie in schwierigen Zeiten und gibt Ihnen die Kraft, weiter zu machen? Für manche Menschen stellt ihr Glaube, ihre Religiosität eine wichtige Kraftquelle im Alltag dar. Gilt das auch für Sie?‘
–> Falls die Antwort ‚Nein‘ lautet, kann nachgefragt werden: ‚War dies einmal anders? Und welche Lebenserfahrungen brachten diese Veränderungen mit sich?‘

O-Organized religion | Organisierte Religion
‚Gehören Sie einer Religions- oder Glaubensgemeinschaft an? Ist diese Mitgliedschaft für Sie wichtig? Welche Aspekte Ihrer Religion erfahren Sie als hilfreich? Welche als hinderlich? Sind Sie aktiv engagiert in Ihrer religiösen Gemeinschaft? Tut Ihnen dies gut und auf welche Art und Weise?‘

P-Personal spirituality/practices | Persönliche Spiritualität und religiös-spirituelle Praxis
Haben Sie religiös-spirituelle Überzeugungen, unabhängig von Ihrer Religionszugehörigkeit sind? Um welche handelt es sich dabei? Glauben Sie an Gott und – falls ja – welche Beziehung haben Sie mit ihm? Pflegen Sie Ihre religiös-spirituellen Überzeugungen in Ihrem Alltag durch eine religiöse Praxis? (z.B. Gebet, Studium Heiliger Schriften, Teilnahme an Ritualen und Gottesdiensten, das Hören von geistlicher Musik, in der Natur sein).

E-Effects on medical care and end-of-life issues | Effekte auf die medizinische Behandlung und Fragen im Zusammenhang mit dem Lebensende
‚Hindert Sie Ihre Krankheit, Ihren Glauben, Ihre Religion bzw. Spiritualität auszuleben? Hat sich durch Ihre Krankheit Ihre Beziehung zu Gott verändert? Als Arzt, Pflegefachfrau: Kann ich etwas für Sie tun, damit Sie Zugang zu Ihren inneren Kraftquellen (wieder)finden? Gibt es aufgrund ihrer Religion-Spiritualität Dinge, die wir beachten sollten und Ihnen wichtig sind (z.B. bezüglich Essen, Umgang mit Blut)? Belastet es Sie unter Umständen, dass gewisse medizinische Massnahmen mit ihren Werte- oder Glaubensüberzeugungen im Konflikt stehen? Wäre es für Sie hilfreich, wenn ich für Sie ein Gespräch mit einem Krankenhaus-Seelsorgenden oder einem Vertreter Ihrer Glaubensgemeinschaft organisiere?‘
Falls der Patient am Sterben ist: ‚Haben Sie aufgrund Ihrer religiös-spirituellen Ueberzeugungen Wünsche hinsichtlich der medizinischen Behandlung in den kommenden Tagen, Wochen und Monaten?‘“ (Anandarajah & Hight, 2001, 87).

4. Verwendetet Literatur

Anandarajah, G., & Hight, E. (2001). Spirituality and medical practice: using the HOPE questions as a practical tool for spiritual assessment. Am Fam Physician, 63(1), 81-89.
Frick, E., Riedner, C., Fegg, M. J., Hauf, S., & Borasio, G. D. (2006). A clinical interview assessing cancer patients’ spiritual needs and preferences. Eur J Cancer Care (Engl), 15(3), 238-243.
Heller, B., & Heller, A. (2014). Spiritualität und Spiritual Care Orientierungen und Impulse. Bern: Huber.
Puchalski, C., & Puchalski. (2014). The FICA Spiritual History Tool #274. J Palliat Med, 17(1), 105-106.