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Religiös-spirituelle Begleitung in der palliativen Versorgung

Aug 31, 2015 | Neues aus der Forschung, Palliative Care

handsEinleitung

Eine lebensbedrohliche und unheilbare Erkrankung löst bei vielen Patient(innen) und ihren Angehörigen existentielle Fragen aus: Was macht mein Leben in dieser Situation noch lebenswert? Was sind die zentralen Werte in meinem Leben? Warum passiert mir das? Habe ich etwas falsch gemacht? Was hinterlasse ich der Welt? Auch religiös-spirituelle Fragen können sich in Zeiten einer schweren Erkrankung oder am Lebensende stellen: Was kommt nach dem Tod? Wünsche ich ein Ritual bzw. eine Abdankung nach meinem Tod und welche Vorstellungen habe ich diesbezüglich?

Palliative Care und ihr multifaktorieller Ansatz

Palliative Massnahmen zielen nicht auf die Heilung einer Erkrankung sondern möchten die Lebensqualität der Betroffenen und ihren Angehörigen erhalten bzw. stärken. Dabei werden medizinische, pflegerische, psycho-soziale und religiös-spirituelle Aspekte berücksichtigt und das Bundesamt für Gesundheit definiert die palliative Versorgung wie folgt: „Die Palliative Care umfasst die Betreuung und die Behandlung von Menschen mit unheilbaren, lebensbedrohlichen und/oder chronisch fortschreitenden Krankheiten. Sie wird vorausschauend miteinbezogen, ihr Schwerpunkt liegt aber in der Zeit, in der die Kuration der Krankheit als nicht mehr möglich erachtet wird und kein primäres Ziel mehr darstellt. (…) Sie schliesst medizinische Behandlungen, pflegerische Interventionen sowie psychologische, soziale und spirituelle Unterstützung mit ein“ (BAG, 2010, S. 8). Auch das Konsenspapier zur Seelsorge in der palliativen Versorgung beschreibt die physische, soziale, psychologische und spirituelle Dimension und betont gleichzeitig die Verwobenheit der genannten Bereiche (Emanuel et al., 2015).

Religiös-spirituelle Bedürfnisse und Fragen am Lebensende

Patienten und ihre Familien haben verschiedene religiös-spirituelle oder existentielle Bedürfnisse. Beispielsweise suchen sie Sinn in ihrer Erkrankung, wünschen sich inneren Frieden oder haben das Bedürfnis nach einem religiösen Ritual (Alcorn et al., 2010). Daneben gibt es auch Menschen, welche sich gegen ihr Schicksal auflehnen und mit Gott hadern. Gerade in diesen Zeiten der Gottesferne und -finsternis können Seelsorgende wichtige Stützen sein (Fitchett, Winter-Pfandler, & Pargament, 2014).
In der Studie von Williams und Kollegen (2011) wünschten 41% der befragten Patient(innen) ein Gespräch zu religiös-spirituellen Fragen. Jedoch konnte nur jeder Zweite ein solches Gespräch während seines Krankenhausaufenthaltes führen. Gleichzeitig zeigt sich, dass Patienten, deren religiös-spirituelle Bedürfnisse nicht adäquat berücksichtigt wurden, in der Folge unter höheren Depressionswerten und einem tieferen spirituellen Wohlbefinden leiden (Pearce et al., 2011).

Religiös-spirituelle Begleitung

Eine aktuelle Studie von Kevin Massey und Kolleg(innen) versucht die Fülle an religiös-spirituellen „Massnahmen“ zu systematisieren und entwickelt eine Taxonomie der Seelsorge im Rahmen der palliativen Versorgung (Massey et al., 2015). Die Taxonomie reicht von der Erkundung des religiös-spirituellen Glaubens- und Wertesystems, der Hilfe bei ethischen Fragestellung oder der Patientenverfügung bis hin zur Krisenintervention, Ritualen und Hilfen bei der Kranheitsbewältigung. Im Zentrum von „spiritual care“ stehen jedoch nicht einzelne Interventionsmassnahmen sondern die aktive Präsenz und das Sich-Einlassen des Seelsorgenden auf das Gegenüber. Oder mit den Worten von Christina Puchalski: „Deep presence is the key to spiritual care; listening to the inner story is essential. Tools help open the conversation, but it is who we are inherently—our presence, our commitment to serve and not abandon patients, and our desire to partner with patients—that makes a difference in our patients’ and families’ ability to cope with illness, stress, and loss” (Puchalski, 2015, p. 250f.).

Ansprechspartner(innen) für religiös-spirituelle Fragen

Religiös-spirituelle und existentielle Fragen sind nicht an eine bestimmte Berufsgruppe gebunden. Auch Psychologen, Pflegende, Sozialarbeitende oder Ärzte können als spirituelle Begleitpersonen agieren (Hode, Sun, & Wolsin, 2014). Die genannten Berufsgruppen berichten jedoch über eine fehlende Ausbildung in diesen Fragen oder es fehlt ihnen an Zeit, religiös-spirituelle Fragen zu thematisieren (Best, Butow, & Olver, 2015a). Primäre Ansprechpersonen für religiös-spirituelle Fragen sind die Seelsorgenden. Entsprechend kommt eine aktuelle australische Überblicksarbeit zum Schluss: „Most patients do not expect their doctor to be a spiritual advisor, but expect the involvement of clergy for religious care” (Best, Butow, & Olver, 2015b, p. 9).

 

Verwendete Literatur