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Palliative Care: zwischen mitmenschlicher Zuwendung und Professionalität

Die Anfänge – Sterbende und ihre Bedürfnisse wieder ins gesellschaftliche Bewusstsein bringen

Tod und Sterben wieder in das gesellschaftliche Bewusstsein zurück zu holen und für einen würdigen Tod und ein „gutes Sterben“ (Schneider, 2017, 70) einzutreten, dafür setzten sich seit über 40 Jahren freiwillig engagierte Menschen in der Hospizbewegung ein. Denn noch Anfang der 70er Jahre des letzten Jahrhunderts wurden Sterbende eher ins Abseits gedrängt. Die Erfolge der Naturwissenschaften führten dazu, dass Tod und Sterben als Versagen der Medizin interpretiert wurde. Sterben hatte entsprechend keinen Platz im Gesundheitssystem und wurde als „Störfall“ (Schneider, 2017, 70) betrachtet. Doch Sterben und Tod gehört zum Menschsein. Die letzte Lebensphase eines Menschen lässt sich evtl. aufschieben, jedoch sind der Tod und das Sterben für jeden Menschen gewiss.

Freiwillig engagierte Menschen wollten diesem fragwürdigen Umgang mit Sterben und Tod nicht länger zusehen. Sie hatte den Wunsch, Sterbenden Menschen

„zu zeigen, dass sie in ihrer existenziellen Krisensituation wertvoller, wertgeschätzter Teil dieser Gesellschaft bleiben und mit ihrer Stimme gerade am Lebensende Gehör finden würden“ (Schneider, 2017, 70).

 

Die Gegenwart: Zusehende Professionalisierung

Während die Hospizbewegung von Anfang an durch die freiwilligen Helferinnen und Helfer geprägt war, entstand parallel zu dieser Bewegung das Begleitkonzept Palliative Care. Auch hierbei geht es um die Begleitung von schwer- und unheilbar kranken Menschen. Die Initiatoren und Wegbereiter kommen jedoch im Unterschied zur Hospizbewegung eher aus dem professionellen Bereich. D.h. es waren Ärzte, Pflegende etc., welche die Missstände im Umgang mit Sterbenden erkannten und diese beheben wollten. Der professionelle Blick schärfte die Einsicht, dass im Umgang mit Sterbenden auch Wissen und Knowhow erworben werden müssen. In der Folge entstanden Schulungsangebote und Lehrgänge, wo Interessierte (insb. Professionelle) sich Kompetenzen im Umgang mit Sterbenden erarbeiten. Mittlerweile gibt es in der Schweiz eine grosse Fülle an Angeboten. Das zeigt bereits ein kurzer Blick in die Fachzeitschrift für Palliative Care.

Löst Palliative Care die Hospizbewegung ab und kommt es in Folge zu einem immer engmaschigeren Netz an Spezialistinnen und Spezialisten für Sterben, Tod und Trauer? Und, schliesslich, greift diese Entwicklung auch auf den Freiwilligenbereich über? Es sieht alles danach aus.

 

Die Situationen am Lebensende und die darin engagierten Menschen werden vielfältiger und anspruchsvoller

Die gesellschaftlichen Veränderungen (z.B. steigende Mobilität, Vielfalt an Familienformen), aber auch der medizinische Fortschritt haben dazu geführt, dass die Situationen am Lebensende, aber auch die in der letzten Lebensphase engagierten Menschen vielfältiger werden. Während bis vor wenigen Jahren sich vorwiegend Frauen nach ihrer Berufs- oder Familienphase in einer Hospizgruppe engagierten, geht man heute davon aus,

„dass in Zukunft auch jüngere, beruflich wie familiär stärker eingebundene, und damit auch weniger flexible sowie je nach eigener Lebensphase unterschiedlich und vor allem ‚eigensinnig‘ motivierte Personen – weiterhin wohl vor allem Frauen, aber zunehmend auch Männer – ein hospizliches Ehrenamt einnehmen werden“ (Schneider, 2017, 72).

So steigen die  Anforderungen an die Koordinatorinnen und Koordinatoren der freiwilligen Hospiz- und Entlastungsdienste an und der Aufwand, die Einsätze zu planen und zu organisieren, wird immer anspruchsvoller (s.a. Schneider, 2017, 72). Lässt sich dieser Aufwand noch im Ehrenamt bestreiten oder übersteigt diese Arbeit die Möglichkeiten von freiwillig Engagierten? Die Broschüre des Bundesamtes für Gesundheit zum Thema sieht die Grenzen der Freiwilligkeit erreicht. Das lässt sich an den Empfehlungen des BAGs erkennen: Einsatzleitungen sollten neben Kompetenzen in Palliative Care, Kenntnisse in Personalführung und „im Management von Non-Profit-Organisationen“ haben. Andererseits sind „die Arbeiten der Einsatzleitung angemessen zu entlöhnen“ (BAG, 2014, 19).

Was für die Koordinatinnen und Koordinatoren gilt, lässt sich auch bei den Helferinnen und Helfern (sowohl Freiwillige als auch Professionelle) beobachten. Bedingt durch medizinischen Fortschritt wurden die Situationen am Lebensende vielfältiger und auch anspruchsvoller. Helfende begleiten mitunter demenzerkrankt Menschen oder intellektuell behinderte Menschen, treffen auf unterschiedlichste familiäre Konstellationen, betreuen Menschen auch im Gefängnis und versuchen in alledem der Selbstbestimmung jedes Menschen Rechnung zu tragen. Zudem hat Palliative Care den Anspruch, Menschen nicht nur im Sterben zu begleiten, sondern möchte die Lebensqualität von schwer kranken Menschen grundsätzlich fördern (vgl. auch Schneider, 2017).

Damit steigen die Anforderungen an alle Engagierten und es droht Überforderung. Dieser versucht man mit Hilfe von Aus- und Weiterbildungen entgegen zu wirken. Denn mit Aus- und Weiterbildungen, so die Hoffnung, gewinnen die Beteiligten Sicherheit in ihren Rollen und Aufgaben und erwerben sich neue Kompetenzen. Entsprechend haben beispielsweise Freiwillige das Bedürfnis, über Themen wie Gesprächsführung, Trauer, Symptome am Lebensende, den Umgang mit unterschiedlichen religiösen Vorstellungen oder Selbstsorge unterrichtet zu werden (Brighton, 2017).

 

Trotz Professionalisierung: Die Anfänge nicht vergessen

Aus- und Weiterbildungen sind wichtige Massnahmen, damit Menschen befähigt werden, anderen Menschen am Lebensende Beistand zu leisten. Gleichzeitig sei an die Anfänge der Hospizbewegung erinnert. Die Hospizbewegung entstand, weil sich Menschen auf den Weg machten, um schwer kranken Menschen und ihren Angehörigen nahe zu sein, dass Betroffenen ein würdiges Sterben möglich wird. Dies bedingt ein grundlegendes mitfühlendes und solidarisches Verständnis von Mensch- und Gemeinschaft-Sein.

Mensch-Sein heisst, aufeinander angewiesen sein und im Rahmen der je eigenen Möglichkeiten füreinander einstehen, wenn es Not tut. Und dieses allgemein-menschliche gegenseitige Interesse (gerade aus christlicher Perspektive) stellt m.E. das Fundament jeglichen Handelns in Palliative Care dar. Ansonsten werden Spezialisierungen, Aus- und Weiterbildungen, ja jeder Kompetenzen-Katalog und jedes Zeugnis hohl und im Grunde inhaltsleer. An diese gegenseitige fürsorgliche Haltung, die Professionalität übersteigt, erinnern die Anfänge der Hospizbewegung. Auch in Zeiten zunehmender Professionalisierung, Spezialisierung und Organisierung, lohnt es sich, sich hie und da an diese Anfänge zu erinnern (s.a. Schneider, 2017, 74).

 

Verwendete Literatur