Die Rolle der Hausärzte am Lebensende und wie vernetzt ist die kirchliche Seelsorge?

Feb 11, 2016 | Neues aus der Forschung

bill-sg-gp-2016Die Hausärzte als wichtige Bezugs- und Koordinationsperson am Lebensende

Eine aktuelle Studie (Schnakenberg et al., 2016) untersucht die Rolle der Hausärzte im Kanton Bern sowie in Nordrhein-Westfalen am Lebensende. 330 Hausärzte und Hausärztinnen (Durchschnittsalter: 55 Jahre, ca. 70% Männer) gaben Auskunft.
Die Befragten wurden unter anderem befragt, wer in der Begleitung/Betreuung am Lebensende eine wichtige Rolle spielt. Über 85% der Ärzte gaben an, dass sie am Lebensende ihrer Patientinnen und Patienten eine unverzichtbare Rolle einnehmen, gefolgt von Familienangehörigen (69%), dem Pflegedienst (48%), der Seelsorge (10%) oder Freiwilligen (5%). Beinahe 90% der Hausärzte gaben an, mit Familienangehörigen im Kontakt zu stehen.

Die religiös-spirituelle Begleitung: Wie vernetzt ist die Seelsorge mit anderen Gesundheitsfachpersonen?

Die Ärztinnen und Ärzte wurden auch geben, die Qualität der anderen Dienste am Lebensende zu beurteilen. Während über 75% mit dem Pflegedienst zufrieden oder sehr zufrieden sind, fällt die religiös-spirituelle Begleitung diesem Ergebnis gegenüber mit 12% (sehr zufrieden) bzw. 14% (zufrieden) ab. Auffällig ist, dass über 50% der Befragten zur Qualitätseinschätzung der Seelsorge nichts aussagen konnten und mit „weiss nicht“ antworteten.
Schliesslich gaben interessanterweise 10% der befragten Ärzte aus der Schweiz an, dass sie die Patient(innen) selbst religiös-spirituell begleiten.

Zahlreiche Anschlussfragen

Gerade zu den Ergebnissen der religiös-spirituellen Begleitung stellen sich zahlreiche Anschlussfragen: Welche Bedürfnisse haben Patientinnen und Patienten aus der Schweiz hinsichtlich der religiös-spirituellen Begleitung am Lebensende? Wer begleitet die Patientinnen und Patienten religiös-spirituell und wie funktioniert die Vernetzung der Seelsorge mit anderen Involvierten aus dem Gesundheitsteam in der Begleitung lebensbedrohlich kranker Menschen?
Auch andere Studien verweisen darauf, dass Ärzte im Zusammenhang mit religiös-spirituellen Fragen am Lebensende eine Rolle spielen. So berichtet etwa die ländervergleichende Studie zwischen Holland, Belgien, Spanien und Italien (Evans et al., 2014), dass 37% der holländischen Hausärzte mit ihren lebensbedrohlich kranken Patienten über religiös-spirituelle Themen sprachen, während in Italien und Spanien dies nur in 9% bzw. 7% der Fall war.  Diese Ergebnisse könnten Ausdruck von Säkularisierungsprozessen sein. Mit anderen Worten: Religiös-spirituelle Themen können am Lebensende wichtig sein, je nach gesellschaftlicher Situation, Kirchendistanzierung etc. begleiten jedoch andere Berufsgruppen als die kirchliche Seelsorge Menschen in diesen Fragen.  Wo die Schweiz in diesem Zusammenhang steht, müsste man untersuchen.

Literatur

Evans, N., Costantini, M., Pasman, H. R., Van den Block, L., Donker, G. A., Miccinesi, G., et al. (2014). End-of-life communication: a retrospective survey of representative general practitioner networks in four countries. Journal of pain and symptom management, 47(3), 604-619.
Schnakenberg, R., Goeldlin, A., Boehm-Stiel, C., Bleckwenn, M., Weckbecker, K., & Radbruch, L. (2016). Written survey on recently deceased patients in germany and switzerland: how do general practitioners see their role? BMC Health Serv Res, 16(1), 22.