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Angehörige vor grossen Herausforderungen

Jun 29, 2015 | (pflegende) Angehörige

bill_blog02_01rEinzelhaushalte, Patchwork-Familien und die allgemeine Mobilität nehmen zu

„In der Schweiz übernehmen rund 330‘000 Personen im Erwerbsalter regelmässig Pflege- und Betreuungsaufgaben“ (Schweizerische Eidgenossenschaft, 2014). Oder in anderen Zahlen: 81% der Care-Leistungen werden von freiwilligen bzw. unbezahlten Personen erbracht, während es sich bei 19% aller Care-Leistungen um bezahlte bzw. professionelle Leistungserbringung handelt (Madörin, Schnegg & Baghdadi, 2012). Dieser grosse Beitrag steht auf dem Hintergrund von sich verändernden familiären Strukturen (z.B. Zunahme an Einpersonenhaushalte) (Bundesamt für Gesundheit BAG, 2009). Weiter hat die allgemeine Mobilität zugenommen (z.B. der Sohn wohnt und arbeitet in Lausanne, während die Eltern in der Innerschweiz zu Hause sind). Alle diese Veränderungen führen dazu, dass die familiäre gegenseitige Unterstützung schwieriger wird (DGfPM, 2005).

Verlängerung der letzten Lebensphase

Neue medizinische Therapien (z.B. gerade die Möglichkeiten zur Behandlung von infektiösen Erkrankungen) verändern die Todesursachen. Gleichzeitig verhilft der medizinische Fortschritt zu einer Verlängerung der Lebenserwartung. Die Folgen: Immer mehr Menschen leiden an einer unheilbaren Erkrankung (z.B. Demenz) und der Pflegebedarf wird in Zukunft weiter ansteigen. „Sterben wird heute aufgrund anderer, neuer Todesursachen und der medizinischen Möglichkeiten der Lebensverlängerung für viele Menschen zu einer eigenen ‚Lebensphase‘ mit besonderen Problemen und Chancen“ (DGfPM, 2005, 9). Weiter werden die Zahl der jährlichen Todesfälle in Zukunft steigen: „Rund 60‘000 Menschen jeden Alters sterben heute jährlich in der Schweiz. Das Bundesamt für Statistik rechnet damit, dass diese Zahl bis im Jahr 2050 um rund 50% zunimmt, also auf 90‘000 Todesfälle pro Jahr“ (Bundesamt für Gesundheit BAG, 2009, 9).

Eine grosse Herausforderung für Angehörige

Betreuende Angehörige sind daher zukünftig vor grosse Herausforderungen gestellt: „Mag die Pflegezeit früher Tage, Wochen, allenfalls Monate gedauert haben, so beträgt sie heute im Durchschnitt drei bis fünf Jahre. Die Familien sind mit der langwierigen und aufwändigen Pflege häufig überfordert, gerade in der letzten Lebensphase des Betroffenen.“ (DGfPM, 2005, 12f). Gleichzeitig werden Angehörige je länger je wichtiger. Dies stellt der Bundesrat im vergangenen Dezember in einem Situationsbericht fest. Denn das Gesundheitssystem stösst sowohl finanziell als auch personalmässig an seinen Grenzen.

Fazit: Angehörige und Freiwillige stärken

Die meisten Menschen sterben heute in einer Institution. Dem gegenüber steht der Wunsch von 75% der Bevölkerung, am liebsten zu Hause versterben zu können. (Bundesamt für Gesundheit BAG, 2009, 11). Diesem Wunsch, zu Hause zu sterben, wird man nur Rechnung tragen können, wenn die Bezugspersonen optimal unterstützt werden, sei dies mit konkreten Unterstützungsangeboten sei dies, indem Strukturen und Gesetze so angepasst werden, dass sich Arbeit und Pflege einfacher aufeinander abstimmen lassen. Entsprechend schreibt der Bundesrat: „Nötig sind zum einen bessere Informationen und der Ausbau von Entlastungsangeboten, wie Unterstützung durch Freiwillige oder Ferienbetten in Alters- und Pflegeheimen. Wichtig sind zum anderen Massnahmen, um die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Angehörigenpflege zu fördern“ (Schweizerische Eidgenossenschaft, 2014).

 

Literatur
  1. Bundesamt für Gesundheit BAG, und Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) (2009). Nationale Strategie Palliative Care 2010–2012. Bern, S. 12.
  2. Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin (DGfPM) (2005). Palliative Care Lehren, Lernen, Leben. Einführung/Modelle. Sterben, Tod und Trauer: gesellschaftliche Herausforderungen. Fünf dramatische Veränderungen und ihre Konsequenzen, 12-13.
  3. Madörin, M., Schnegg, B., Baghdadi, N. (2012). Advanced Economy, Modern Welfare State and Traditional Care Regimes: The Case of Switzerland. In: Staab, S. Razavi, S. (Eds.). Global Variations in the Political and Social Economy of Care. New Yor: Routledge (S. 43-60).
  4. Schweizerische Eidgenossenschaft (2014). Medienmitteilung. Der Bund will betreuende und pflegende Angehörige besser unterstützen.